Bericht vom 27.10.2001 (Süddeutsche Zeitung)


Der Traum vom eigenen Flugzeug

In der Garage muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Wie sich ein Hobby-Pilot seinen größten Wunsch erfüllte  /  700 Stunden Arbeit bis zum Jungfernflug

Unsere Fabrikationshalle
Chaos-Theorie: Wenn die vielen tausend Einzelteile zusammengeschraubt sind, soll das kleine Flugzeug fliegen.

Sein Name ist Leicht. Hubert Leich. Wie leichtsinnig, leichtfertig. Oder einfach nur: leicht verrückt. Ungefähr so hätten noch vor zwei Jahren noch viele Nachbarn den hoch gewach- senen, leicht angegrauten Mann beschrieben, der mit Ehefrau Ruth in einem ganz normalen Einfamilien- haus in 800-Seelen-Gemeinde Witetshausen (Neckar) wohnt. Denn der Schwabe hat nicht nur die Lizenz zum Fliegen, sondern paart seine Leidenschaft für Flugzeuge mit landsmännischer Sparsamkeit: Er baut seinen Flieger selbst – im Keller und auf dem Dachstuhl.

  Eine klassische Hobby-Karriere. In den Kindertagen waren es Papier- flieger, in der Jugendzeit dann fern- gesteuerte Modellflugzeuge. Und alles selbstgebaut. „Ich habe immer von der Freiheit über den Wolken geträumt“, gesteht er. Und deshalb legte Ruth – „die verständnisvollste Ehefrau“ - auch kein Veto ein, als Hubert Leicht zum Telefonhöherer griff, und beherzt ein ganzes Flugzeug bestellte. Ein Ultraleicht- flugzeug, Typ TL 232 Condor plus. „Ein paar Tage später bin ich samt Anhänger nach Tschechien gefahren und habe den Bausatz abgeholt.“ Der kostete immerhin 63 000 Mark und hätte jeden anderen in die Verzweifl- ung getrieben: der 6,08 Meter lange Rumpf als nacktes Stahlrohrgerüst, 1500 Nieten, zehn Liter Spannlack, acht Liter Farbe, 25 Quadratmeter Flugzeugleinen, 30 Meter Alu-Rohr, 25 Meter Stahlseil. Und annähernd 2000 Schrauben, ab Werk unsortiert in Jogurtbechern und alten Thunfisch- dosen.

  Was folgte, waren 700 Stunden Arbeit in der viel zu kleinen Garage. Fast ein Jahr lang schrauben, schleifen, nieten, sägen, kleben, verspannen. Zwischendurch nach- denken. Ein einsamer Job. Wer

außer Hubert Leicht konnte sich schon in dem Chaos, das später mal fliegen sollte, zurecht finden? Und Ehefrau Ruth bahnte sich nur ab und an mit einem aufmunternden Kaffe vorsichtig den Weg. Aber: „Mir fehlte nicht“; auch nicht das abendliche Bier mit Freunden in der Stammkneipe namens „Fuzzy Deutschland“.

  Als es schließlich an die beiden Flügel ging – 5,30 lang 1,20 breit, zusammen 14,84 Quadratmeter Fläche – war´s in der Garage vorbei, aber Hubert Leicht startete durch und verlegte die Produktion unters Dach – allerdings ohne perfekte Logistik. Denn als die Flügel fertig waren, war das Dachfenster zu klein. Aber wer hochfliegende Träume hat, lässt such nicht zur vorzeitigen Landung zwin- gen: „Ich hab schnell im Baumarkt eine Stichsäge gekauft und ein passendes Loch in den Dachgiebel gesägt.“ 

  Vier Monate nach dem Öffnen des ersten Karton ist es soweit. Aus 220 Kilogramm Einzelteilen ist fast ein echtes Flugzeug geworden. An Bord sogar ein 118 Quadratmeter großer Faltschirm, der im Notfall – raketen- gezündet – Pilot und Maschine heil zur Erde bringt. Nur die Bespannung fehlt noch; erst muss die filigrane Konstruktion amtlich angenommen werden. Und die Nachbarn wurden immer neugieriger – und mutiger. „Gell Hubi..., wenn du fertig bist, darf ich mal mit!?“ Für den Hobby- Konstrukteur von Beruf Schweiß- techniker, ein gutes Gefühl: „Das war schon toll – die Bestätigung und die Vorfreude auf den ersten Start.“

  Als zu guter Letzt der 80 Kilogramm schwere, 100 PS starke Vierzylinder Boxer-Motor in die Flugzeugnase gehängt wird, kennt Huberts Lampen- fieber keine 

Grenzen mehr.: „Wir haben den Flieger auf eine Wiese geschoben und ihn am Leitwerk an einem kleinen Zwetschgenbaum Festgebunden.“ Ein Feuerlöscher lag bereit, alle Schalter angeschaltet. Nach einer Schrecksekunde und einigen Fehlzündungen der stolze Moment: Der Motor lief rund. Der mintgrün-lackierte Vogel zerrte an seiner Fessel.

 Das Flugzeug aus der Garage war fertig, sein offizieller Name D-MRLH. Das halbe Dorf sei damals auf der Wiese zusammengelaufen, erinnert sich Hubert Leicht, der wenig Tage später den Jungfernflug absolvierte und alle Mühen in 1000 Metern Höhe vergaß.

  Mittlerweile ist das halbe Dorf schon mitgeflogen; und es wundert auch keinen im kleinen Witterhausen mehr, dass Hubi bereits sein zweites Flugzeug baut. Wieder eine TL 232. Ferrari-Rot soll sie werden und noch vor Weihnachten zum ersten mal von der Graspiste des Sulzer Flugplatzes abheben. Und es ist wie beim ersten Mal. „Je mehr sich die Sache dem Ende nähret, desto schlimmer wird es“, sagt er. Und kann es kaum erwarten, bis auch dieser zweite Vogel in die Luft geht: „Man ist einfach nicht mehr ansprechbar.“

  Jede freie Minute sitzt er am Steuerknüppel, kennt jeden Baum, jedes Tal der schwäbischen Alb. Und wenn er im Tiefflug übers Dorf knat- tert, freuen sich alle mit ihm: „Hubi ist wieder unterwegs.“

Rudi Kanamüller

Auf Herz und Nieren . . .

Erfinderisch muß man sein

Große Probleme verlangen nach großer Lösung: Für die fertigen Tragflächen musste Hubert Leicht in den Giebel seines Hauses eigens ein Loch sägen.
Über den Wolken . . .